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(WÄHREND ICH) STILL DASITZE UND NICHTS TUE, WIRD
ES FRÜHLING, UND GRAS SPRIESST AUF.
Zitat nach Zenrin Kushu
Nach meinem Tanzstudium, das ich als eine intensive
Auseinandersetzung mit Kulturtechniken betrachte, begann ich einen
"Rückweg" zu erarbeiten, indem ich im Laufe von nunmehr zwanzig
Jahren in Seminaren eine Methode entwickelte, in der die Frage der
Bewegung als Prinzip der sich ständig wandelnden Form zentral
ist. Es geht mir um eine Rückführung auf einen angenommenen
"neutralen" Punkt in Denken und Handeln. Die Methode ist zunächst
auf das unbedingte Annehmen der Wirklichkeit des menschlichen Körpers
hin angelegt. Sie aktualisiert die Prinzipien seiner Beschaffenheit
und Gestalt (Körperbau/Form), der Wahrnehmung seiner Eigenbewegtheit
und des ordnenden Bewusstseins im raum-zeitlichen Feld. Diese Vorgehensweise
macht existentielle Bedingungen erfahrbar und schafft dadurch eine
lebendige Formulierungsweise. Die so formulierte Person schafft
Raum, stellt Raum her. Die Last der Darstellung, des bloßen
"Verkörperns" im kulturell-zivilisatorischen Raum, ist aufgehoben.
Es geht darum, einen Bilde-Prozess von innen her zu beginnen, so
dass langsam das Bild vom Körper (Idealbild) in Idealsituation
und Umgebung (Inszenierung) verschwindet und anstatt des verkörperten
Bildes die Gegenwärtigkeit des eigenen Körpers entsteht
(Präsenz). Gleichzeitig möchte ich immer wieder die Verbindungen
zu den Erfahrungen mit der "Logik" des Körperbaus
und ihre parktizierte Formalisierung in Kultur und allen Lebensbereichen
herstellen.
Das sind Fragen, die mich bis heute beschäftigen,
und ich habe sie selbst in Performances und Aktionen öffentlich
gemacht. In einer zuletzt gezeigten Aktion in Berlin (Material
für's Diktat III, 1988) erreichte ich einen Endpunkt mit
dem Versuch, mich bewegend zu formulieren, ohne einem Thema zu folgen,
einer Vorstellung oder meinem Bewegungswissen, ohne Reflexion und
planende Distanz, um ganz im Augenblick zu sein. In dieser Bewegung
liegt dann die Aufmerksamkeit auf der permanenten Wandlung von Formen,
die gleichwertig sind, wenn auch eigenartig, anstatt auf den strategischen
Punkten eines intendierten Bewegungsziels (Technik/Ausdruck). Ein
fast unmögliches Unternehmen und doch durchführbar.
Mit dieser Arbeit war ich an einer Grenze angekommen
- auch persönlich. Zwar hatte ich den Eindruck gewonnen, auf
dem Gebiet der Bewegung sehr weit vorgestoßen zu sein, aber
ich sah, dass ich an einem "einsamen" Punkt stand, von
dem aus ich nicht weitergehen konnte und wollte. Es wurde mir wichtig,
durch Nachdenken und Studium bestimmter Themen, die Basis, die meinem
Arbeitsansatz zugrunde lag, zu verbreitern. Um die Ergebnisse dieser
Auseinandersetzungen zu veranschaulichen, begann ich eine bildnerische
und plastische Arbeit.
Mir ist wichtig zu betonen, dass sich die Grundkonzeption
meiner bildnerischen Arbeit auf die phänomenologische Verschiedenheit
der beiden Hauptachsen, Vertikale und Horizontale, und ihre Nutzbarkeit
im kommunikativen Feld bezieht. Im Gegensatz zur Spezialoptimierung
in der vertikalen Fläche der Bilder, geht es mir um die Herstellung
von Komplexitäten in der Horizontalen, und damit steht der
Raumbegriff allgemein zur Disposition. Es ist nicht der Raum gemeint,
der einer Skulptur oder einer dreidimensionalen Bildidee (Installation)
ihre ausgedehnte Existenz ermöglicht, sondern es interessiert
mich, Bedingungen zu schaffen, die den Raum vom Gegenstand ununterscheidbar
werden lassen, um damit Wahrnehmungs- und Erfahrungsweisen zu schaffen,
die nicht auf der Trennung beider Aspekte beruhen.
So begann ich dann Anfang der neunziger Jahre eine
Untersuchung zur Frage des Objektbegriffs im 20. Jahrhundert: von
Duchamps industriellem Produkt als Fertigware bis hin zum Kultischen
des Warenfetischs und dem Status des Objekts als Zeichen und Code.
Leitend für mich war der Versuch, die Aura der einzelnen Gegenstände,
ihre Bedeutungsgeschichte und die sich ergebenden Lesarten aus ihren
Arrangements abzubauen, das heißt den Gegenstand zu einer
Art "Präsenz" zu führen. Dazu entwickelte ich
einen Fundus von Grund- undOperationsmaterial, zu dem unter anderem
Tische, Projektoren, Lichtbilder, Glasscheiben, Warenartikel, Photos
und Gipsformen gehören. Es ist eine Arbeit an einer plastischen
Methode daraus geworden, die eine Art "Selbstaufbau" ermöglicht,
das heißt Wesentliches am Gestaltungsmaterial freisetzt und
verschieden dynamisiert. Alle Eigenschaften der verwendeten Gegenstände
haben Einfluss auf die "Logik" der entstehenden Gesamtform.
Meine Ausstellungen seit 1990 waren jeweils Stadien des "Baus",
zu denen öffentliche Diskussionen geführt wurden, deren
Ergebnisse ich beim Weiterentwickeln berücksichtigt habe.
Während dieser Gespräche wurde mir klar,
dass bezüglich der Verwendung von Gegenständen in künstlerischen
Zusammenhängen die allgemeine Auffassung zwischen der Position
eines "Dings an sich", dem Objekt und der Ware oszilliert.
Auch die Frage nach einem Kern, dem "Kern der Dinge",
einer metaphysischen Spekulation, wurde immer wieder gestellt. Mit
einem Kern werden Identitäts- und Ursprungsideen verbunden,
aus kernhafter Anschauung und Denken ergibt sich Zentralistisches
und Hierarchisches. Ich beschloss, diese Ideen empirisch nachzuvollziehen.
Da uns normalerweise eine rein absichtslose Beobachtung der Gegenstände
kaum möglich ist, überhöhen wir sie mit ideologischem
Mehrwert und benutzen sie als Projektionsflächen. Sie erscheinen
uns dann als gehaltene, kernhaft zentrierte Körper. Es war
nun mein Interesse, ein Grundmodell zu entwickeln, mit dem sich
die plastische Konsequenz einer anschaulichen Demontage des traditionellen
Dingbegriffs und des dazugehörigen Raumbegriffs zeigen ließe.
Dazu wäre es nötig, bis zu raum-zeitlichen Mitte des Gegenstands
vorzudringen, um das Ziel aller abendländischen Spekulationen
zu treffen und den Gegenstand zu "entkernen".
Bei solchen hochtrabenden Vorhaben hilft nur ein völlig
naives Vorgehen. Da der Kern in der raum-zeitlichen Mitte des Gegenstandes
vermutet wird, nahm ich eine leere Dose und markierte die Mitte
mit einem Rundstab. Dann füllte ich das Gefäß mit
Gips. Nach dem Erkalten der Gießmasse entfernte ich den "Kern",
so dass ein Hohlraum übrig blieb. Der Gegenstand bildete sich
also langsam, indem ich handelnd, Schritt für Schritt die materielle
Entsprechung der Idee wirksam werden ließ. Die so entstandene
Form ist ein "Negativ" aus den notwendigen konstituierenden
Prinzipien der Idee. Bei den "Entkernten" korrespondieren
Umraum und leere Mitte und machen die materielle Zone als homogene
zylinderförmige Materialausdehnung erfahrbar. Sie sind eine
Art Grundmodell, das auch als Vorbereitung zu dem Level der Erscheinungsweise
oder dem Aggregatzustand der Gegenstände in rot/grün -
grau gesehen werden kann.
Das Thema der Ausstellung rot/grün - grau ist
in bildnerisch-plastischer Weise der Versuch, Bedingungen zu schaffen,
um das klassische Spannungsfeld der Polaritäten und des Komplimentären
verlassen zu können, um einen Abzweig zu suchen, der das Hervorbringen
"vorsprachlicher" Formenkomplexe ermöglicht. Dazu
zitiere ich aus einem Buch von Gotthard Günther:
"Es muss ein materialer Problemkreis aufgewiesen werden, der
auf der klassischen Ebene des Denkens nicht existiert und der, selbst
wenn er entdeckt und formuliert ist, sich den Behandlungsmethoden
unseres überlieferten Denkens grundsätzlich entzieht."
Mich interessiert nun, diese Fragen im raum-zeitlichen
Feld anschaulich zu machen und mich handelnd damit auseinanderzusetzen.
Der Komplex von Formen und Bildern, der entstanden ist, markiert
das momentane Stadium meines Nachdenkens und experimentellen Materialisierens.
Thematisch ist letzlich das aus meiner Erfahrung mit dem Tanz hervorgehende
Problem: was geschieht, wenn die Bewegung selbst, die permanente
Veränderung von Formen, thematisch wird und auf ein Bewusstsein
trifft, das auf Fixieren und Kontrollieren von Illusionen, auf Feststellen
von Dauerhaftem angelegt ist.
Materieller Ausgangspunkt sind Konservengläser
mit roten und grünen Kirschen. Früchte spielen seit 1995
in meinen Zeichnungen eine Rolle, meist in idealtypischer Überzeichnung,
so auch die in der Werbung oft als Signet für alles "Fruchtige"
verwendete "Doppelkirsche", die bei mir für die gleichwertige
"2" steht. Bei den jetzt gewählten Kirschkonserven
ist in beiden Fällen mit der Farbe manipuliert worden. Die
roten Kirschen sind in der Frabintensität durch chemische Prozesse
gesteigert worden, während die grünen Kirschen durch Farbumwandlung
entstanden sind. Im Titel klingt an, dass es um Farbgebung geht,
das heißt, es müssen materielle Träger da sein,
denen diese Farbe als Merkmal zugefügt wird. Es ging also darum,
Gegenstände zu erfinden, die diese Farbaspekte tragen sollten.
So habe ich zwölf Grundformen (Typen) entwickelt, die als "Einsatzpunkte"
für plastische "Milieus" dienen, das heißt
diesen Grundformen werden Struktur und Ausdehnung gegeben, immer
der Maßgabe folgend, nicht zu konstruieren, sondern ein "Wachsen"
zu ermöglichen. Der Aspekt "Farbe" tritt in verschiedener
Weise auf, nämlich als Farbglas, als farbiges Licht und als
Frabüberzug, durch Eintauchen der Gegenstände in ein Farbbad.
Dieses die Gegenstandsoberfläche nachzeichnende Verfahren habe
ich gewählt, damit die Aspekte der Form und der Ausdehnung
gleichermaßen thematisch bleiben.
Der Besucher kann verschiedene Wege durch den Aufbau
nehmen und dadurch die Gegenstände von allen Seiten und aus
verschiedenen Richtungen her wahrnehmen. Die Bewegung des Betrachters,
das Umkreisen, das Näherkommen und Abstandnehmen, korrespondiert
mit der offenen Struktur des plastischen Feldes, das niemals total
wirkt, weil es gehend und schauend in der Zeit erschlossen werden
muss. Dadurch entsteht ein übergängiger und leitender
Charakter. Die einzelnen Gegenstände wirken relativ und als
Variablen, wobei auch die Freiflächen und Zwischenräume
mitwirken. Die Gegenstände verweisen aufeinander und ermöglichen
ein Wahrnehmen als absichtsloses Spiel.
Die Vielfalt der Elemente in ihren unterschiedlichen
Konfigurationen stiftet ein Bezugssystem gegenseitiger Durchdringung
uns wechselseitiger Abhängigkeit, in dem jeder Punkt als Mittelpunkt
betrachtet werden kann. Allen Gegenständen ist der Status des
"Merkmalträgers" eigen. Man sieht ihnen an, dass
sie aus einfachen Handlungen hervorgegangen sind. Es sind minimierte
Körper oder präsente Massen, an denen die Bedingungen
ihrer Herstellungsprozesse nachvollziehbar bleiben. Damit sie untereinander
anschlussfähig und aufeinander verweisend bleiben, dürfen
die Gegenstände nicht viele Eigenschaften besitzen. Oftmals
sind es lediglich Verkörperungen einzelner Aspekte, die an
klar definierten repräsentativen Gegenständen normalerweise
als Summe von Eigenschaften auftreten.
Durch die jahrelange Auseinandersetzung mit den Bedingungen
positionierter Gegenstandskörper und den Problemen im plastischen
Feld konnte ich bezüglich Raum-Zeitfragen so viele Versuche
anstellen, dass es mich drängte, diese wieder auf das Gebiet
des menschlichen Körpers und der Bewegung zu übertragen.
Auch hier sind zunächst die populären Vorstellungen von
Körper und Raum zu bedenken. Durch den gängigen Raumbegriff
ergibt sich das nur auf sich bezogene Individuum, das sogar die
Bedingtheit des "im Raum Seins", zumindest den Boden,
auf dem es steht, nicht wahrnimmt. So wird dann der "Raum"
zur eigenschaftslosen Leere, die als aufnahmefähig gilt. Weil
das Ineinanderwirken von eigener Materialität, die schwerkraftgebunden
und eigenbewegt ist, mit den Phänomenen, die einen Raum physisch
bestimmen, als nicht weiter beachtete Voraussetzung angenommen wird,
ist der Raum, von dem so viel gesprochen wird, wesentlich ein Bildraum,
ein hauptsächlich vom Blick und der Arm-/Hand-Zone geprägter
Ort. Er ist Projektionsraum einer von den Mühen des Lebensvollzuges
entbundenen Daseinsweise. Wird dagegen der Raum vom Körper
aus gestiftet, durch die Erfahrung der sinnlichen Voraussetzungen,
ergibt sich eine ganz andere Sphäre, die lebendig und reich
an Aspekten ist. Es ist dann nicht mehr der "stehende"
Raum, sondern ein Handlungsraum, in dem Menschen Platz haben.
Für die Aktion Subject of Study wird von
einer Gruppe von zwölf Akteuren über einen längeren
Zeitraum hinweg ein Materialpool angelegt. Nach bestimmten Kriterien
werden Gegenstände verschiedener Proportionen ausgewählt
und gesammelt (Waren, persönlicher Besitz, Möbel, Gestelle,
Teile von größeren Einheiten). Im Aktionsraum werden
kurze, nicht lineare Reihen und kleine Gruppen von Stühlen
aufgestellt. Die Besucher nehmen dort Platz. Der gesamte Gegenstandspool
wird über eine Stunde lang von den Akteuren permanent ümgeschichtet,
demonstriert, vorgeführt. Es war die Absicht, durch die Vorbereitungszeit
bei den Akteuren eine innere Haltung zu erzeugen, die es ihnen ermöglicht,
bei voller Kraft im permanenten "Jetzt" zu agieren, das
heißt sinnhaft an die Handlung im Augenblick angeschlossen
zu bleiben, ohne ein intendiertes Ziel zu verfolgen, das ihrem Tun
traditionell Sinn verleihen würde. Wenn sich die Akteure aufeinander
beziehen, sind es Tauschhandlungen und Spiele, in denen den Gegenständen
fiktive Werte zugemessen werden. Was jeden Moment ausmacht, ist
das von vielen gemeinsam und gleichzeitig veränderte Environment,
dem sie sich "selbstvergessen" kontinuierlich widmen.
Das fordert vom Einzelnen ein Höchstmaß an unvoreingenommener
Wahrnehmung des Augenblicks. Die Gegenstände werden ausnahmslos
gleichwertig behandelt - geräumt, geschoben, verpackt, getragen,
auseinandergezerrt. Durch das Fehlen konkreter Vorgaben handeln
die Akteure ständig auf der Scheidelinie zwischen dem Abzweig
in "sinnvolle" Tätigkeit und chaotischem Sich-Treibenlassen
- beides soll vermieden werden.
Das Publikum befindet sich im gleichen Raum wie die
Akteure und die Gegenstände. Es ist ein Handlungsraum, ein
"öffentlicher Raum", der sich durch die Gleichzeitigkeit
verschiedener Perspektiven auszeichnet. Die Besucher sind, weil
sie im Raum als feste "Pole" sitzen, eine Art Handlungsblockade,
an der sich die Dynamik der Handlungsströmungen bricht, staut
oder gegebenenfalls überbrückt wird. So lässt sich
der eigene Sitzplatz mit der Zeit relativ und strategisch wahrnehmen.
Die Besucher sind in ihrer körperlichen Präsenz phänomenologischer
Teil des Geschehens, weil sie Achsen schaffen und die Handlungswege
und Materialströme regulieren. So wird von Akteuren und Besuchern
gemeinsam ein bestimmter mentaler Raum gehalten und empirisch erzeugt.
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